Sterblich

29. Juni 2010

„Ist dir bewusst, dass wir sterblich sind?“

„Natürlich, Kleines.“

„Ich meine, dass es uns zu jedem Zeitpunkt treffen kann? Jetzt gleich.“

„Ja. Das ist mir bewusst.“

„Aber hast du auch Angst davor?“

„Nein, warum auch. Es wird nicht passieren.“

„Und wenn doch?“

„Mach dir keine Sorgen. Ich pass auf dich auf.“

„Ich weiß.

Aber ich hab trotzdem so schrecklich Angst, dass das alles vorbei sein kann. Manchmal liege ich abends im Bett und denke, dass irgendetwas meinen Körper von innen zerfressen könnte und es zu spät bemerkt wird. Jedes mal wenn du mit dem Auto unterwegs bist, bin ich in Gedanken bei dir – in der Hoffnung, dass ich so einen Unfall verhindern könnte. Immer wenn sich meine Eltern streiten, befürchte ich, dass sie sich gegenseitig umbringen. Wenn ich meinen Großvater besuche, verabschiede ich mich in meinen Gedanken so bewusst, weil es das letzte Mal sein könnte.

Ich bin so jung und doch denke ich stets über den Tod nach. Ich habe keine Angst vor dem was danach ist – da ist nichts. Aber ich möchte das nicht missen, was jetzt ist. Es ist so schön. Es tut so gut. Ich würde so gern noch einmal die Unbeschwertheit der Kindheit fühlen – nie zweifelnd, dass man etwas nicht besiegen könnte.

Aber wenn man einmal an den Punkt gelangt, an dem einen seine eigene Sterblichkeit vor Augen geführt wird, dann kann man nicht mehr zurück. Dann weiß man einfach, wie schnell es zu Ende sein kann.

Ich kann nicht ins Bett gehen, wenn ich mich mit jemand gestritten und noch nicht wieder versöhnt habe. Vielleicht wacht man am nächsten Tag nicht mehr auf. Du kannst dich nicht verabschieden, aber du weißt dann, dass du niemanden im Argen zurücklässt. Ich kann nicht ignorant mit Menschen umgehen, die mir am Herzen liegen, nur weil sie mich gerade tierisch nerven. Ich kann es einfach nicht. Ich habe viel zu viel Angst.

Es ist wie ein dunkler Schatten der hinter mir her läuft. Meist kann ich ihn ausblenden, aber wenn es ganz still ist, dann fährt er mir den Rücken hoch, durchs Haar – zieht kräftig daran und nistet sich in meinen Kopf ein. Dann ist sie wieder da die Angst vor dem Wegsein, vor dem allein gelassen werden.“

„ … . Ich bin bei dir.“

„ Danke.“

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Beurteilend

28. Juni 2010

Sein massiger Körper fiel quietschend in den alten, zerfetzten Ledersessel neben dem Klavier. Die Hitze des Sommertages bahnte sich verschämt ihren Weg ins Innerste des Dunkels. Schnaubend schob er seinen Oberkörper über die Lehne, um mit seinen speckigen Fingern in der Männerhandgelenkstasche zu kramen, die auf dem kühlen hölzernen Fußboden lag. Ein Zigarillo fand seine Bestimmung im zitternden Mundwinkel. Knapp daneben rann ein Bach aus Schweiß, Angst und Vorfreunde, der, zu einem Strom werden, sein kariertes Hemd an jeder nur möglichen Stelle durchdrang. Der Rauch stieg auf – kringelnd, schlängelt und verfliegend. Die Füße an den sich überschlagenden Beinen in ausgeblichenen Jeans trugen rosa Socken und steckten in schwarzen Lackschuhen. Zum ersten Bier bestellte er sich Nachos – mit Käse. In seiner Versunkenheit dort am Klavier aß er sie, eins nach dem anderen in Andacht, langsam und schnorbsend.


Die kleine Kneipe an der Ecke füllte sich zusehends, doch sein Blick blieb starr auf die Leinwand gerichtet. Die drei Farbstreifen – Nacht, Blut und Licht – die sein Gesicht zierten, waren durchsetzt von den ungleichmäßigen Stoppeln seines ergrauten Bartes. Den Jubel der folgenden Minuten konterte er gekonnt mit der Nichtigkeit und Gelassenheit der Einsamkeit. Kurz bevor ein Pfiff die Massen wieder trennte, betrat eine kleine, blonde Frau in den späten Fünfzigern, nicht hübsch aber voller Ausstrahlung den Raum – küsste stoppelnde Wangen, griff ins schüttere Haar und flüsterte. Ein verschmitztes Lächeln seinerseits.

(Bild via [ken])