Kommt ein Mann ins Zimmer

27. September 2011

 „Kommt ein Mann ins Zimmer“ – Nicole Krauss

“Wenn man jung ist, glaubt man, die Liebe sei die Lösung. Aber sie ist es nicht. Einem anderen Menschen nahe zu sein – so nahe man kann -, verdeutlicht nur die unüberwindliche Distanz, die zwischen einem liegt.” […] “Ich weiß nicht. Wenn das Lieben die Menschen nur einsamer macht, warum wollen es dann alle so sehr?” – “Wegen der Illusion. Man verliebt sich, ist berauscht, und kurze Zeit fühlt man sich wie eins geworden mit dem anderen. Ein Herz und eine Seele. Man glaubt, man würde nie wieder einsam sein. Nur hält es nicht an, und bald wird klar, näher geht es nicht, und man endet bitterlich enttäuscht, so allein wie nie zuvor, weil die Illusion – die Hoffnung an der man all die Jahre festgehalten hat – zerstört ist. […] Aber wissen Sie, das Unglaubliche an uns Menschen ist, dass wir vergessen. […] Es vergeht einige Zeit, irgendwie kriecht die Hoffnung zurück, und früher oder später kommt jemand anders daher, und wir glauben, das ist der Richtige. Dann fängt die ganze Sache wieder von vorne an. So gehen wir durchs Leben, und entweder akzeptieren wir irgendwann die minderwertige Beziehung – man versteht sich nicht vollkommen, aber es läuft passabel -, oder wir streben weiterhin nach vollkommener Vereinigung, machen neue Versuche und scheitern erneut, lassen dabei eine Spur gebrochener Herzen hinter uns zurück, unser eigenes inbegriffen. Am Ende sterben wir so allein, wie wir geboren wurden, haben gekämpft, um andere zu verstehen, um uns verständlich zu machen, aber in dem versagt, was wir einst für möglich gehalten haben.”

Beurteilend

28. Juni 2010

Sein massiger Körper fiel quietschend in den alten, zerfetzten Ledersessel neben dem Klavier. Die Hitze des Sommertages bahnte sich verschämt ihren Weg ins Innerste des Dunkels. Schnaubend schob er seinen Oberkörper über die Lehne, um mit seinen speckigen Fingern in der Männerhandgelenkstasche zu kramen, die auf dem kühlen hölzernen Fußboden lag. Ein Zigarillo fand seine Bestimmung im zitternden Mundwinkel. Knapp daneben rann ein Bach aus Schweiß, Angst und Vorfreunde, der, zu einem Strom werden, sein kariertes Hemd an jeder nur möglichen Stelle durchdrang. Der Rauch stieg auf – kringelnd, schlängelt und verfliegend. Die Füße an den sich überschlagenden Beinen in ausgeblichenen Jeans trugen rosa Socken und steckten in schwarzen Lackschuhen. Zum ersten Bier bestellte er sich Nachos – mit Käse. In seiner Versunkenheit dort am Klavier aß er sie, eins nach dem anderen in Andacht, langsam und schnorbsend.


Die kleine Kneipe an der Ecke füllte sich zusehends, doch sein Blick blieb starr auf die Leinwand gerichtet. Die drei Farbstreifen – Nacht, Blut und Licht – die sein Gesicht zierten, waren durchsetzt von den ungleichmäßigen Stoppeln seines ergrauten Bartes. Den Jubel der folgenden Minuten konterte er gekonnt mit der Nichtigkeit und Gelassenheit der Einsamkeit. Kurz bevor ein Pfiff die Massen wieder trennte, betrat eine kleine, blonde Frau in den späten Fünfzigern, nicht hübsch aber voller Ausstrahlung den Raum – küsste stoppelnde Wangen, griff ins schüttere Haar und flüsterte. Ein verschmitztes Lächeln seinerseits.

(Bild via [ken])