Kommt ein Mann ins Zimmer

27. September 2011

 „Kommt ein Mann ins Zimmer“ – Nicole Krauss

“Wenn man jung ist, glaubt man, die Liebe sei die Lösung. Aber sie ist es nicht. Einem anderen Menschen nahe zu sein – so nahe man kann -, verdeutlicht nur die unüberwindliche Distanz, die zwischen einem liegt.” […] “Ich weiß nicht. Wenn das Lieben die Menschen nur einsamer macht, warum wollen es dann alle so sehr?” – “Wegen der Illusion. Man verliebt sich, ist berauscht, und kurze Zeit fühlt man sich wie eins geworden mit dem anderen. Ein Herz und eine Seele. Man glaubt, man würde nie wieder einsam sein. Nur hält es nicht an, und bald wird klar, näher geht es nicht, und man endet bitterlich enttäuscht, so allein wie nie zuvor, weil die Illusion – die Hoffnung an der man all die Jahre festgehalten hat – zerstört ist. […] Aber wissen Sie, das Unglaubliche an uns Menschen ist, dass wir vergessen. […] Es vergeht einige Zeit, irgendwie kriecht die Hoffnung zurück, und früher oder später kommt jemand anders daher, und wir glauben, das ist der Richtige. Dann fängt die ganze Sache wieder von vorne an. So gehen wir durchs Leben, und entweder akzeptieren wir irgendwann die minderwertige Beziehung – man versteht sich nicht vollkommen, aber es läuft passabel -, oder wir streben weiterhin nach vollkommener Vereinigung, machen neue Versuche und scheitern erneut, lassen dabei eine Spur gebrochener Herzen hinter uns zurück, unser eigenes inbegriffen. Am Ende sterben wir so allein, wie wir geboren wurden, haben gekämpft, um andere zu verstehen, um uns verständlich zu machen, aber in dem versagt, was wir einst für möglich gehalten haben.”

Verflüchtigend

23. Mai 2011

Im Kopf pocht der Wein vom letzten Abend – als wir uns lachend auf dem Boden wälzten und laut fluchten. Die Bäuche mit Leckereien vollgeschlagen, verdammt zu nahezu völliger Bewegungslosigkeit, krochen wir in Zeitlupe ins Bett. Mit geschlossenen Augen vergrub er seine Nase in meiner Bettwäsche: „Das riecht so gut.“ Ich wusste, mein Bett riecht nach dir – verflüchtigend.

Wir atmen Wärme. Es ist stickig, so eingehüllt. Jeder in seinem Kokon. Seiner raschelt, wenn er sich bewegt. Unruhe vor dem Erwachen? Vorsichtig die verquollenen Augen öffnen. Sein Grinsen blitzt mir entgegen. „Voll gut.“, ruft er und zieht sich den Schlafsack über den Kopf. Ich lächle, während mein Herz über Erinnerungen stolpert: Es ist früh am Morgen. Die Augenringe sind tief. Die Stunden waren kurz. Während du noch schläfst, zähle ich die blauen Flecken der Nacht, trage sie stolz durch den Tag. Du lässt sie nicht verblassen, kümmerst dich um sie – Nachschmecken.


Plötzlich fliegt der Schlafsack durch den Raum. Er nimmt meine Hand, zieht mich aus dem Bett. „Wir müssen dir noch eine Pflanze kaufen.“ Der kalte Holzfußboden kriecht durch die Beine, kühlt den Kopf. Geistesabwesend stoße ich mich an der Bettkante und schaue dem Blau beim Wachsen zu.

Schmetterlingseffekt

11. Mai 2011

Körpereigener Sadismus reicht bis in die Fingerspitzen. Schiebt sich durch die Vergangenheit. Zigarettenrauch kratzt im Hals, lässt die Augen tränen. Der sonst so geordnete Kopf hadert mit seinem Schicksal.

Wir verweilen im Lorenz-Attraktor. Ein Zustand dessen Dimension nicht ganzzahlig ist. Drei gekoppelte, nichtlineare Gleichungen in einem System – Du, Ich, Wir – die langfristige Unvorhersehbarkeit des Seins

Die mathematische Definition von Chaos besagt, dass minimale Änderungen der Ausgangsparameter sehr große Auswirkungen auf den Momentzustand eines Systems haben. Zerbrechlich wie die Flügel eines Schmetterlings.

Mathematisches Chaos, nicht Schicksal.