Alma

31. Mai 2011

 Gerade hat sie ihren Kopf auf das Fensterbrett gelegt. Verweilt, während die ersten Sonnenstrahlen in ihr Gesicht wandern. Die Luft hat sich abgekühlt. Schwüles, stickiges Erahnen hat sich entladen – in Ströme aus wirbelnden Wassertropfen – die ersten 800 hatten sich durch den Stoff ihres Kleides geschwungen. Der Film aus Schweiß und Sonnencreme floss langsam auf der warmen Haut, hinab zu den Knien. Sprang von dort mit Anlauf in ein Meer aus Sandkörnern.

Mit fliehendem Schritt sprang Alma die letzten Meter von der Wanderdüne bis zu ihrem alten Drahtesel – schon ihre Oma war damit die wenigen Kilometer von Łeba bis zur Łącka Góra gefahren. Der Himmel graute sich schwärzend. Zuckte. Am Horizont turnten die luftigen Wellen der polnischen Ostsee.

Als Kind hatte sie oft in den Dünen gespielt. Die Weite und Größe, die man nur spürt, wenn man klein ist, erfahren. Das Grenzenlose Ende, bis Rettung kam. Verdurstend im fernen Land. Am Ende des Tages gab es immer das beste Essen der Welt, obwohl ihre Oma nicht die beste Köchin der Welt war. Fischstäbchen mit Kartoffelbrei und Erbsen.

(via)

Almas Blick wandert zurück ins Zimmer. Photographien versuchen die Anwesenheit der Erinnerungen bildlich vorzutäuschen. Zwei Jahre stand das Haus in der Wojska Polskiego leer, bevor sie beschloss, ihre Koffer zu packen und die 713 Kilometer ein letztes Mal zu fahren – Mit ihm in ein neues Leben und der Hoffnung im Rücken. Nur zwei Koffer für jeden von ihnen – standen seit gestern Abend auf dicken Teppichen im Hausflur, wartend auf Erleichterung. Die Müdigkeit hatte die beiden in die Betten getrieben. Rücken an Rücken eingeschlafen, erwachten sie den anderen suchend. Tastende Hände. Rücken an Rücken aufgewacht, bereit nach vorne zu blicken und nicht zurück.

In der Ecke des Wohnzimmers stand noch der alte Koffer aus Pappe, Leder und Sperrholz, den sie und ihr Cousin immer als Geheimversteck benutzt hatten. Hektisch stürzt sie, suchend. Auf den Koffer zu. Kramt. Findet. Eine Kassette. Aufgenommen vor 20 Jahren, am Geburtstag ihrer Großmutter. Noch einmal will Alma ihre Stimme hören, wie sie pfeifend zwitschern konnte. Noch einmal zurück blicken, nur ganz kurz, weil die Erinnerung verblasst, hier wo sie so präsent ist.

Er kommt aus dem Schlafzimmer. Die Dielen knarzen. Öffnet behutsam die Tür. Als er Alma vor dem Koffer sitzen sah, zerbrechlich wirkend und doch so stark, wusste er, dass er die richtige Entscheidung getroffen hatte. Mit ihr hier.

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Verflüchtigend

23. Mai 2011

Im Kopf pocht der Wein vom letzten Abend – als wir uns lachend auf dem Boden wälzten und laut fluchten. Die Bäuche mit Leckereien vollgeschlagen, verdammt zu nahezu völliger Bewegungslosigkeit, krochen wir in Zeitlupe ins Bett. Mit geschlossenen Augen vergrub er seine Nase in meiner Bettwäsche: „Das riecht so gut.“ Ich wusste, mein Bett riecht nach dir – verflüchtigend.

Wir atmen Wärme. Es ist stickig, so eingehüllt. Jeder in seinem Kokon. Seiner raschelt, wenn er sich bewegt. Unruhe vor dem Erwachen? Vorsichtig die verquollenen Augen öffnen. Sein Grinsen blitzt mir entgegen. „Voll gut.“, ruft er und zieht sich den Schlafsack über den Kopf. Ich lächle, während mein Herz über Erinnerungen stolpert: Es ist früh am Morgen. Die Augenringe sind tief. Die Stunden waren kurz. Während du noch schläfst, zähle ich die blauen Flecken der Nacht, trage sie stolz durch den Tag. Du lässt sie nicht verblassen, kümmerst dich um sie – Nachschmecken.


Plötzlich fliegt der Schlafsack durch den Raum. Er nimmt meine Hand, zieht mich aus dem Bett. „Wir müssen dir noch eine Pflanze kaufen.“ Der kalte Holzfußboden kriecht durch die Beine, kühlt den Kopf. Geistesabwesend stoße ich mich an der Bettkante und schaue dem Blau beim Wachsen zu.

Schmetterlingseffekt

11. Mai 2011

Körpereigener Sadismus reicht bis in die Fingerspitzen. Schiebt sich durch die Vergangenheit. Zigarettenrauch kratzt im Hals, lässt die Augen tränen. Der sonst so geordnete Kopf hadert mit seinem Schicksal.

Wir verweilen im Lorenz-Attraktor. Ein Zustand dessen Dimension nicht ganzzahlig ist. Drei gekoppelte, nichtlineare Gleichungen in einem System – Du, Ich, Wir – die langfristige Unvorhersehbarkeit des Seins

Die mathematische Definition von Chaos besagt, dass minimale Änderungen der Ausgangsparameter sehr große Auswirkungen auf den Momentzustand eines Systems haben. Zerbrechlich wie die Flügel eines Schmetterlings.

Mathematisches Chaos, nicht Schicksal.